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«Die Anstadt ist keine Parallelwelt!»

Es ist ein lauer Frühlingsabend im Mai, mit einem herzlichen Grinsen und frischem Kräutertee heißt mich Tala Bürki vor ihrem Wagen willkommen. Kunigunde heisst der hellbraune, vom Regen und Sonne etwas gezeichnete Bauwagen mit Holzschindeln. Tala Bürki wohnt seit rund fünf Jahren in der Anstadt.

Momentaufnahmen aus der Anstadt, fotografiert von David Fürst

Tala Bürki führt mich durch die Anstatt, vorbei Spielplätzen, an Bauwägen für einen Jugendtreff, an einer Metallwerkstadt, die von allen Leuten im Quartier verwendet werden kann. Der Wagenplatz liegt nahe der Aare und wird gegen außen oft als in sich abgeschlossenes System wahrgenommen. So titelte der Bund Anfang April «Sie leben in einer Parallelwelt an der Aare.»  Für sie sei die Anstadt alles andere als eine Parallelwelt, betont Tala Bürki. Sie seien nicht abgekapselt von der Stadt.

Durch die Überbauung des Gaswerkareals ist die Zukunft der Anstadt ungewiss. In ihrem Alltag sei diese Ungewissheit nicht sehr präsent, betont Tala Bürki. Vorerst geniesst und bestreitet sie mit den fast vierzig anderen Anstädter:innen das Leben in der wohl bekanntesten und berüchtigsten Berner Alternativsiedelung. Ist die Anstadt also so etwas wie eine urbane Utopie? Tala Bürki zögert. «Es hat schon Utopieaspekte. In meiner Vorstellung müsste aber in einer Utopie alles perfekt sein. Wir hier sind aber nicht abgeschnitten von der Aussenwelt.»

Besetzt wurde das Areal der Anstadt vor etwas weniger als sechs Jahren, in einer Nacht im Juli 2018. Die Anstadt trat damit das Erbe von alternativen Initiativen wie dem «Freien Land Zaffaraya» an. Dieses wurde in den 80er Jahren auf demselben Gelände errichtet. Die Stadt hat mit dem Kollektiv mittlerweile eine Baubewilligung ausgehandelt. Innert vier Monaten muss die Anstadt wieder zurückgebaut werden können, und dieses Szenario wird immer wahrscheinlicher. Letzten November hat die Stadt Bern ihre Pläne für das Gaswerk präsentiert, vierhundert Wohnungen sollen auf dem Areal entstehen. Fabian Bauer leitet das Projekt für die Überbauung des Gaswerkareals. Wegen der Wohnungsknappheit in der Stadt Bern brauche es diese Überbauung. «Das Gaswerkareal ist eine Industriebrache, die seit Jahrzehnten ungenutzt ist. Sie lohnt sich für eine Arealentwicklung», so Bauer.

Ist dieser Wohnungsbau, und der damit einhergehende Verlust des Wagenplatzes Anstadt wirklich alternativlos? Diese Diskussion will Max Gnant breiter führen. Er wohnt selbst in der Anstadt und hat das Gaswerkarealfest mitorganisiert, welches letzten Samstag stattfand. Bei ihm löse diese ungewisse Zukunft des Wagenplatzes eine Lust am Widerstand aus. Städtische Freiräume wie die Anstadt seien wichtig, denn sie würden auch Sorgearbeit für Menschen übernehmen, die in der Stadt durch alle Maschen fallen, so Gnant. Schliesslich sei die Anstadt eine Inspirationsquelle und eine Antithese zur kommerziellen Stadt.

In der Anstadt wird also Neues ausprobiert – doch welchen Wert hat dies in einer Stadt, die immer verdichteter und enger bebaut wird? Diese Frage wurde letzten Samstag am Gaswerkarealfest diskutiert, und wird auch in Zukunft in Bern für hitzige Debatten sorgen.

Das Bild stammt vom Fotoband Aus der Anstadt – Momentaufnahme eines Wagenplatzes.