Nive: SOORIYAN heisst auf Tamilisch Sonne. Wir haben eine Zeit lang nach Namen gesucht und eine Person aus dem Kollektiv hat SOORIYEN vorgeschlagen. Wir fanden es alle super. SOORIYAN hat uns in der Kindheit und Jugend sehr eng begleitet, weil das Wort in vielen tamilischen Medien stark präsent ist. Es gibt in Sri Lanka das Radio Sooriyan FM und es gibt auch den tamilischen Fernsehsender Sun TV und das hat alles gut zusammengepasst.
Niramy: Ursprünglich haben wir einen Slot gehabt beim Summer Camp in der Roten Fabrik vor etwa zwei Jahren. Und da war die Idee, dass wir einen All South Asian Slot kuratieren. Dadurch hat sich eine Gruppe manifestiert, die sich immer wieder getroffen und an verschiedenen Orten gespielt hat.
Ausschlaggebend war dann aber letztes Jahr mit DAYTIMERS World. DAYTIMERS ist ein Kollektiv aus der UK mit Fokus von South Asians, die in der Musikszene unterwegs sind. Die haben ein internationales Projekt gemacht und dann unter anderem Leute von dem jetzigen Kollektiv angefragt. So ist es dazu gekommen, dass wir SOORIYAN gelauncht haben.
Nive: Im Rahmen dieser DAYTIMERS Kollaboration haben wir andere südasiatische Kollektive kennengelernt in Deutschland, in Australien, sogar in Kanada. Das zeigt, wie stark die südasiatische Diaspora vernetzt ist. Damit sind wir auch ein bisschen aufgewachsen. Unsere Eltern sind aus Sri Lanka geflohen und mussten sich hier wie eine neue Welt aufbauen, sie versuchten ihre Kultur weiter zu pflegen und haben eigene Kulturorte geschaffen. Diese Erlebnisse prägen uns, auch in unserer Arbeit. Das transnationale Networking nehmen wir stark mit.
Niramy: Die Transnationalität, klingt schön und ist auch schön, aber man darf nicht vergessen, wie sie entstanden ist. Ich glaube, das ist auch sehr wichtig. Wenn es um unsere Eltern geht, ist diese Selbstorganisation spannend. Denn sie organisiern mit wenig Mitteln so grosse Sachen. Und man merkt diese Proaktivität, auch von unseren Eltern. Die ist immer noch voll da. Zum Beispiel wenn es um das Essen geht, das wir organisiert haben. Unsere Eltern haben für uns gekocht, sind vorbeigekommen, haben uns geholfen. Sie wollten das so und das ist mega schön. Die Vernetzung beginnt ja auch bei uns selbst und reicht bis hin zu internationalen und transnationalen Verbindungen. Das ist auch eine Art von Widerstand.
Niramy: Was Themen für uns allgemein sind und über die oft gesprochen wird sind Sichtbarkeit und Inklusion. Aber strukturelle Unterstützung und echte Teilhabe werden oft nicht umgesetzt. Das ist für viele BIPoC's sowieso ein Thema. Wir werden entweder ignoriert, exotisiert und tokenisiert in dem Ganzen. Das bleibt dann ein Scheinbild, das weder grundlegende Strukturen verändert noch den Zugang zu Ressourcen ermöglicht. Die Ressourcen sind teilweise limitiert und ungleich verteilt. Rassismus ist überall ein Thema, auch im Club-Kontext zum Beispiel. Und da sind Themen wie Klassismus und Colorism sowie Zugang für Menschen mit Disability oder Krankheiten etc. zu wenig, oder gar nicht thematisiert.
Niramy: Da Ziel ist, dass wir dem ein bisschen entgegenwirken, aber wir machen das nicht aktiv. Ich glaube, das ist einfach oft automatisch in unseren Überlegungen implementiert. Wir haben vor ein paar Monaten ein Essen organisiert, bei dem sich Menschen anmelden konnten und da war der Preis zum Essen sehr tief oder auch offen zum Verhandeln. Uns geht es stark darum, Zugänge zu schaffen, die oft verwehrt werden oder gar nicht im Bewusstsein sind.
Nive: Wichtig finde ich auch, dass wir uns alle als Working Class Artist identifizieren. Unsere Familien haben keinen akademischen Background. Daher war für uns auch der Zugang zur Kultur oder Kunstwelt schwieriger. Aber wir haben es irgendwie geschafft und darum verstehen wir uns auch so gut und wissen, wie wir den Zugang für andere Menschen mit ähnlichem Background ermöglichen können.
Niramy: Ein Feedback ist von Agni, das ist ein Mridangam-Spieler, das ist eine zweiseitige Trommel, eine karnatische Trommel. Er war als Gast dabei bei unserem DAYTIMERS Event in Zürich und meinte, dass es spannend war, mal so ein Base zu haben, die sehr gemischt war. Es hatte sehr viele verschiedene Menschen und der Fokus lag darauf jenen Menschen Platz zu geben, die spielen kommen. Er kommt aus andere Kreisen als wir. Für uns alle war das eine Bereicherung, einander kennenzulernen und sich so zu verknüpfen.
Nive: Das war bisher die schönste Rückmeldung, die ich erhalten habe.
Niramy: Bei alll den Events sind sogar Menschen aus Genf und Bern nach Zürich gekommen, um uns zu unterstützen und die waren sehr begeistert vom Kollektiv und auch wie es ausgeführt wurde. So auch die Feedbacks von unseren Freund:innen, die dabei waren bei uns oder als Helfer:innen unterstützten. Es ist schön zu sehen, wie plötzlich eine Community entsteht oder verschiedene Communities zusammenkommen und den Abend gemeinsam auf unterschiedlichste Arten gestalten.
Nive: Das hat bestätigt, dass südasiatische Menschen, die in der Kunst und Kulturszene aktiv sind, sich nach so Räumen sehnen, die wir versuchen zu erschaffen.
Nive: Wir sind noch ein sehr junges Kollektiv und sind uns noch immer ein bisschen am Finden. Sehr viele Events, die wir bis jetzt veranstaltet haben, sind sehr spontan entstanden. Zusammenfassend kann ich aus den bisherigen Events sagen, dass uns vor allem Erlebnisse aus der Kindheit und Jugend in unserer künstlerischen Tätigkeit stark beeinflussen. Mit diesen Events wollen wir bewusst unsere südasiatische Identität feiern. Ich hatte auch eine karnatische Ausbildung, das heisst eine südindische klassische Musikausbildung. Und ich bin auch DJ. Ich versuche, wenn ich auflege, Einflüsse aus dieser Zeit einzubringen.
Niramy: Wir sind aktuell etwa zu acht. Was ich cool finde ist, dass alle so proaktiv und motiviert sind. Diese Motivation ist ausschlaggebend, glaube ich, dass wir immer noch dran sind.
Nive: Wir nur dürfen den Abend eröffnen und Lord Soft und Kumari, die auch Teil des Kollektivs sind, werden mit einem DJ-Set starten. Anschliessend kommt eine Tänzerin auf die Bühne, die Bharatanatyam tanzt. Das ist eine südasiatische Tanzform. Damit wollen wir die vielfältigen südasiatischen Perspektiven und vor allem die Kunstformen einbringen, weil diese sind in der Schweizer Kunst- und Kulturszene immer noch ziemlich unsichtbar. Aber in unserer Community pflegen wir die Kultur sehr stark. Es gibt eine starke Tanzszene, die aber eigentlich in den Medien und allgemein in der Schweiz nicht vertreten ist. Wir möchten diesen Künster:innen eine Plattform bieten.
Niramy: Die Tänzerin heisst Navina Muthuthamby.Ich kenne sie schon lange, wir sind zusammen aufgewachsen. Seit ich sie kenne tanzt sie. Wir haben an sie gedacht, weil wir sie schon mal auch angefragt haben und sie kommt aus einem anderen Kreis kommt, so können wir das wieder zusammenbringen.
Nive: Wir wünschen uns natürlich, dass wir unser Netzwerk noch weiter ausbauen können, dass viele South Asian Künstler:innen auch so eine Komfortzone finden, wie wir es gefunden haben mit SOORIYAN - sei es bei uns oder in anderen Gruppierungen. Wir wünschen uns auch mehr Skill Sharing. Von der Szene oder dem Nachtleben wünsche wir uns, dass die Kulturorte ihre Strukturen hinterfragen und die Hürden versuchen zu beseitigen, die aktuell noch existieren.
Niramy: Ich kann mich da anschliessen. Es ist langsam Zeit, nicht mehr nur mit Worten zu spielen, sondern Dinge wirklich umzusetzen und Verantwortung zu übernehmen. Ich glaube, für uns wünsche ich mir auch fest, dass wir uns erweitern. Es ist spannend, dass die South Asian Community generell sehr transnational ist, also auch die tamilische Diaspora, aber auch andere Diasporas. Wenn wir uns innerhalb der Schweiz noch mehr vernetzen ist das nice, aber auch, wenn wir das noch weiterführen.
Nive und Niramy sind Teil des SOORIYAN Collective.
DJ Kumari und Lord Soft vom SOORIYAN Collective treten mit Tänzerin Navina Muthuthamby am Samstag, den 17. Januar 2026 am 14. Norient Festival auf.
Das ganze Interview hier nachhören: