Wie lässt sich ein Genozid durch die Linse der Architektur nachvollziehen? Genau das tut das Team der Rechercheagentur «Forensic Architecture». Diese Woche war deren Gründer, der israelische Architekt Eyal Weizman, zu Gast an der Universität Bern. Wir haben uns nach der Vorlesung mit ihm unterhalten.
Zerstörung beschränkt sich normalerweise auf die Zerstörung von Gebäuden. Wenn Sie durch eine zerstörte Stadt gehen, sind da immer noch die Strassen und Sie können die Trümmerhaufen sehen, wo zuvor Gebäude standen.
Was wir hier sehen ist eine neue Form der Zerstörung, die auf den Boden abzielt. Wir müssen den Genozid in Gaza als Prozess zur Bodenherstellung verstehen. Auf der Oberfläche wurde alles entfernt. Völlig unbekannte Orte wurde kreiert. Die israelischen Streitkräfte haben die Trümmer palästinensischen Lebens zu Erdwällen aufgeschüttet.
Es ist, als würde der Boden zu einem dickflüssigen Material werden. Flache Oberflächen werden zu Wellen und diese Wellen bewegen sich mit den Streitkräften fort. Die israelische Armee häuft diese Trümmerberge zu strategischen Positionen auf. Darauf platzieren sie Scharfschützen und Panzer, um die Gegend zu dominieren.
Es zeigt Verbindungen durch die Geschichte auf. Es zeigt den Zusammenhang zwischen der Nakba von 1948 und der Nakba von jetzt. Der israelische Siedlerkolonialismus hat nicht mit dem Krieg in Gaza begonnen. Sie bedienen sich einer Reihe von Handlungen, die fortführen, was sie bisher getan haben.
Israel will palästinensisches Leben in Palästina auslöschen. Sie haben nicht nur Städte und Dörfer ausgelöscht, sondern die Spuren dieser Zerstörung. Es ist die Zerstörung der Zerstörung, das Auslöschen der Auslöschung.
Für mich führen die Aufbaupläne den Genozid mit anderen Mitteln fort. Mit Architektur und Entwicklung werden Palästinenser*innen weiter vertrieben. Israel hat das schon immer getan.
Im besten Fall schafft es ein Gaza, das völlig dominiert von Israel ist und einsehbar wie ein Panoptikum. Im schlimmsten Fall führt es die Vertreibung fort und schafft Lebensbedingungen, die zum Ziel haben, die Palästinenser*innen aus ihrem letzten Bollwerk im Süden Palästinas zu vertreiben.
Die Vorlesungsreihe des Instituts für Sozialanthropologie an der Universität Bern untersucht die Verflechtungen rechtlicher, historischer und politischer Entwicklungen, die der Entstehung von Territorien durch Massengewalt zugrunde liegen.
Die weiteren Vorlesungsermine sind:
03. März, Geophysical Environments and the Violence of Borders
10. März, Property as Warfare: Racial Violence and Colonial Continuities
31. März, Geopolotics: What the right gets wrong
14. April, Occupation Debris: Ethnographic museums and the Decolonisation of Archaeology in Palestine-Israel
12. Mai, Maps of anger: exposing all that infuriates us about the brutality of the world
Mehr Infos zur Vorlesungsreihe gibt es hier.