Anna Chiedza Spörri: Im ersten Stück PERSPECTIVES lag der Fokus auf schwarzen FINTA-Personen, vor allem weiblich gelesenen Personen, also auf meiner Realität, die ich auf die Bühne gebracht habe. Mir war schon damals klar, dass ich nicht alles abdecken kann. Ich kann nicht über alle Intersektionen sprechen oder ein Stück über alle Intersektionen gestalten. Deshalb war mir klar, dass es noch eine weitere und hoffentlich auch eine dritte Version geben muss, die andere Intersektionen abdeckt. Im ersten Stück waren es weiblich gelesene FINTA-Personen auf der Bühne. Die nächste Version sollte die Intersektion von Schwarz und Mann thematisieren. Eine weitere Version könnte sich mit Queerness oder Gender Non Conformity befassen und damit, was diese Intersektionen mit der Rassismuserfahrung machen. Deshalb haben wir uns jetzt auf Männer fokussiert. Die vier identifizieren sich auch als Männer, und deshalb liegt der Fokus wirklich auf cis Schwarzen Männern.
Es war interessant, weil der Arbeitstitel am Anfang PERCEPTIONS II war und ich noch nicht wusste, in welche Richtung es gehen würde. Relativ schnell hat sich herauskristallisiert, dass es um diese Wahrnehmungen geht und darum, wie sie sich diesen Wahrnehmungen anpassen oder ihnen bewusst nicht entsprechen wollen. Das beeinflusst ihr Verhalten teilweise stark. So haben wir angefangen. Ich beginne meine Prozesse meistens mit offenen Fragen wie: Wie erlebst du Rassismus? Wo kommt er vor? Oft arbeiten wir mit Post-its, auf die wir Dinge schreiben, aber auch mit Gesprächen und Austausch. Dabei wurde schnell klar, dass sie zwar alle Schwarze Männer sind, aber sehr unterschiedliche Backgrounds und Realitäten haben. Dazu kommt auch Colorism. Wir haben zwei dark skin Men und zwei light skin Mixed Men. Auch das führt in der Schweiz zu sehr unterschiedlichen Realitäten. Von dort aus sind wir weitergegangen und haben entschieden, dass wir sowohl Solos wollen, um die unterschiedlichen Realitäten zu zeigen, als auch gemeinsame Momente, die die geteilten Schwierigkeiten sichtbar machen. Wir spielen auch bewusst damit, das Publikum mit den eigenen Vorurteilen und Mikroaggressionen zu konfrontieren. Dinge, die sie oft erleben, werden reproduziert, um dann aufzuzeigen, was diese Mikroaggressionen und dieser Rassismus mit ihnen machen. Gleichzeitig soll das Publikum merken, dass das ein strukturelles Problem ist.
Sicher. Weil ihre Realität nicht meine Realität ist, habe ich sehr viel gelernt. Als weiblich gelesene Person ist Wut oft ein Ausdruck von Veränderung oder ein Umgang mit der Realität der Welt. Das ist auch etwas, das ich in meinem nächsten Stück Racial untersuche, also rassifizierte weibliche Wut. Wut wird je nach Aussehen sehr unterschiedlich gelesen. Ich wollte diesen Zugang auch mit ihnen erforschen und habe gemerkt, dass Wut als Schwarzer Mann extrem unterdrückt werden muss, weil man sehr schnell als gefährlich gelesen wird. Das war mir nicht völlig neu, aber die Realisation, wie stark diese Emotion kontrolliert, verändert oder minimiert werden muss, habe ich erst in diesem Prozess wirklich verstanden. Auch der Zugang zu Emotionen und zum Sprechen über Rassismus ist anders. Ich habe mir bewusst eine Offenheit bewahrt, um den Prozess anders zu gestalten als bei PERSPECTIVES mit FINTA-Personen. Das war mir wichtig und hat sich als sehr wertvoll erwiesen. Ein Prozess ist fluide, manchmal wird viel geteilt, manchmal weniger. Ich habe auch gelernt, dass ihre Körpersprache sehr anders ist als meine natürliche Körpersprache. Das war herausfordernd, aber auch bereichernd. Als Tänzerin hat es mich aus meiner Comfortzone geholt, weil wir das Warm-up oft gewechselt haben. Das hat mich sowohl als Tänzerin wie auch als Choreografin gefordert.
Ich arbeite oft mit Spoken Word. Die vier Tänzer hatten vorher kaum mit Spoken Word oder mit dieser Art von Text gearbeitet. Für sie war das eine Herausforderung, aber auch eine Möglichkeit, eine eigene Stimme zu finden und Worte für das zu finden, was sie fühlen und erleben. Der Körper ist für Tänzer oft die primäre Ausdrucksform, und Movement kann sehr viel erzählen. Gleichzeitig kann ein einzelner Satz sehr präzise vermitteln, wie sich eine rassistische Mikroaggression anfühlt. Text erlaubt es mir, Dinge klar zu benennen. Gerade in der Schweiz wird Rassismus oft umgangen, verharmlost oder schöngeredet. Wenn Bewegung und Text zusammenkommen, wird es schwieriger, das zu ignorieren. Es wird physisch sichtbar, was Rassismus bewirkt, und gleichzeitig werden reale Erlebnisse geteilt. Ich hoffe, dass man sich dem nicht entziehen kann.
Die Schweiz bewegt sich sehr langsam. Es gibt Veränderungen, vor allem wenn man mit älteren Personen spricht. Auf der Bühne sieht man heute mehr Perspektiven von Schwarzen Menschen, aber oft hört es hinter der Bühne auf. In den Leitungspositionen von Theaterinstitutionen sind weiterhin mehrheitlich weisse Menschen. Ich merke auch, dass ich manchmal Token bin. Ich habe viele Privilegien: eine Uni-Ausbildung, einen Schweizer Pass, ich bin mixed und light skin und passe in gewisse Normen, die mir Türen öffnen. Ich komme aus einer Familie, die ins Theater gegangen ist, und hatte früh Zugang zu dieser Welt. Wenn ich mit Menschen aus dem Hip-Hop-Kontext spreche, merke ich, dass der Zugang für sie oft viel schwieriger ist. Hip-Hop oder andere Tanzstile werden häufig nicht als professionell wahrgenommen. Dann gibt es vielleicht ein Battle im Foyer, aber keine Bühne. Ich sehe eine Diskrepanz zwischen Workshops und dem, was tatsächlich strukturell umgesetzt oder finanziert wird. Ich weiss, dass strukturelle Veränderungen Zeit brauchen, aber meine Geduld geht manchmal aus. Gleichzeitig sehe ich ausserhalb der Kulturszene einen starken Rechtsrutsch. In der Kulturszene selbst habe ich das bisher weniger stark erlebt. Dort spüre ich eher eine Bereitschaft, zu lernen, zu entlernen und Dinge zu verändern.
Mir ist wichtig zu betonen, dass der Prozess für mich sehr bereichernd war, weil alle vier Tänzer sehr viel von sich selbst eingebracht haben. In die Solos, die Choreografie und den Text ist viel Persönliches eingeflossen. Wir haben gemeinsam recherchiert, und ich habe das Material zusammengefügt, aber es war eine echte Zusammenarbeit. Elemente aus dem Breaking konnte ich selbst nicht umsetzen. Moa hat die Szenografie entworfen und am Lichtkonzept mitgearbeitet. Clément hat die Musik für sein Solo gemacht. Es war eine Teamarbeit mit allen Menschen vor und hinter der Bühne. Deshalb ist es mir wichtig zu sagen: Es ist nicht mein Stück, sondern unser Stück.
PECEPTIONS wird am Donnerstag, 23. Januar, am Freitag 24. Januar und am Samstag 24. Januar 2026 jeweils um 20.00 Uhr in der Dampfzentrale aufgeführt.
Im Anschluss an die Aufführungen finden Nachgespräche und Talks mit den Tänzern statt.
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