In dieser Sendung von Gschächnütschlimmers habe ich den Blick über die Grenze in den Westen geworfen. Ich bin tief eingetaucht in den Release-Output der Grande Nation der letzten Monate, denn 2025 war ein Jahr der grossen Comebacks, der scharfen politischen Worte und einer neuen, introspektiven Generation im französischen Rap-Biz.
Wer glaubt, französischer Rap sei nur Autotune, Afro Trap oder die Oldschool-Generation-Marseille, hat in den letzten Monaten wohl keine Musik gehört. Frankreich bleibt das politische Gewissen des europäischen Hip Hop.
Die Rückkehr der radikalen Stimmen: Keny Arkana & Kery James
Ein absolutes Highlight war das kompromisslose Comeback von Keny Arkana. Im November 2025 veröffentlichte die Rapperin aus Marseille ihre Single „Foudroie-les“. Als Teil der globalisierungskritischen Bewegung La Rage du Peuple und Kollektiven wie Etat-Major steht sie seit jeher für antikapitalistische und antirassistische Inhalte. In „Foudroie-les“ attackiert sie mit gewohnt radikaler Sprache staatliche Gewalt und politische Heuchelei. Keny Arkana, geboren in Boulogne-Billancourt und aufgewachsen in Marseille, bleibt eine der wichtigsten aktivistischen Stimmen in der französischen Musikszene.
Nicht weniger gewichtig war der Beitrag von Kery James. Sein Track „Shaban“, erschienen auf dem Album R.A.P (Résistance, Amour et Poésie), ist grandios. Der Titel bezieht sich auf den achten Monat des islamischen Mondkalenders, eine Zeit der spirituellen Vorbereitung auf den Ramadan. James nutzt diesen Rahmen jedoch auch als Hommage und Anklage zugleich: Er erzählt die wahre Geschichte eines Palästinensers, der durch Bombardierungen Teile seiner Familie verlor. Kery James, einst bei der legendären Mafia K’1 Fry, gilt längst als das moralische Gewissen des französischen Rap. Er verbindet in seiner Musik tiefe politische Bildung mit Storytelling und klagt immer mal wieder die westliche Doppelmoral an.
Conscious Rap und Kontroversen: Médine & Aketo
Auch Médine war Teil des Specials. Mit „QI.Rap“, dem ersten Vorboten seines Albums Stentor (Acte 1), rechnet der Rapper aus Le Havre mit der Musik-Industrie ab. Rap ist ihm oft zu oberflächlich und haltungslos geworden; er kontert mit Ironie und dem klassischen Conscious Rap Vibe, den wir von ihm kennen. Médine ist eine Figur, die polarisiert: Seine Texte zu Identität, Laizität und Islamdiskurs führen immer wieder zu nationalen Debatten, bis hin zu einer Konzertabsage im Bataclan auf Druck von Rechtsaussen. Médine bleibt seiner Linie standhaft, engagiert sich immer wieder gewerkschaftlich und positioniert sich klar gegen die extreme Rechte.
Einen introspektiven Blick lieferte Aketo. Das Sniper Urgestein blickt in „Maria“ auf seine Identität und Herkunft zurück. Der Song ist ein Mix aus Spoken Word, Rap und viel Melancholie, ein persönlicher Monolog eines Rap-Veteranen, der die französische Sozialkritik der 2000er entscheidend mitgeprägt hat.
Marseiller Generationentreffen und Pariser Poesie
Dass Marseille immer noch das Herz des französischen Rap ist, bewies Jul auf seinem Album Gratuit Vol. 8. Für den Track „La vie“ holte er sich niemand geringeres als Le Rat Luciano von den Oldschool Legenden Fonky Family ins Boot. Zwei Generationen, ein Beat: Überraschend ruhig und reflektiert sprechen der kommerzielle Gigant Jul und die Legende des sozialrealistischen Raps über die Härte des Lebens.
Etwas weiter nördlich, in Paris, zeigt Oxmo Puccino, wie man in Würde altert. Der Poet des französischen Hip Hop, bekannt seit dem Track 'Time Bomb' mit Lunatic (heute under dem namen Booba bekannt), reflektiert auf „Plus loin que soi“ über innere Ruhe und Familie. Fernab von Strassenrap Klischees liefert er, begleitet von einem reduzierten Pianoarrangement, pure Poesie.
Die New School und der Underground: Punk, Queer & Graffiti
Natürlich haben wir in der Sendung auch den Untergrund und die neue Generation beleuchtet. Favé, einer der jungen Wilden, zeigt auf „Tsunami“, dass der schnelle Aufstieg auch Schattenseiten hat. Es ist ein Track über Erschöpfung der Jugend und den permanenten Kampf mit hohen Erwartungen. Ähnlich düster analysiert Lesram auf „Ashitaka“ Klassenkämpfe und die Angst vor Zeitverlust, während Cherry Pie in „Blizzard“ ein Bild einer orientierungslosen Jugend berappt.
Richtig roh wurde es mit Krav Boca & Zippo. Der Track „Resident Evil“ ist eine deepe Mischung aus Punk und Rap, entstanden im Pariser Untergrund. Krav Boca, bekannt für ihre wilden Touren durch besetzte Häuser in Griechenland, liefern hier den Soundtrack zur sozialen Erbarmungslosigkeite.
Ebenfalls konfrontativ: Ptite Soeur, FEMTOGO & Neophron mit „PUKE SOMETHING“. Queerpolitischer Rap, der Mobbing und internalisierte Gewalt thematisiert.
Den Abschluss macht die Liebe zur Kultur: Guerta feat. C.Sen (letzteren haben wir letztes Jahr im Mai noch in der Reitschule am Graffiti Jam gesehen) liefern mit „RATP“ eine Hymne an Graffiti und illegalen Kunstaktivismus als Ausdruck von Freiheit.
Franöisischer Rap ist vitaler und diverser denn je. Von den politischen Schwergewichten über die Poeten bis hin zum anarchistischen Untergrund, die Künstler*innen haben etwas zu sagen.
One Love!
(Bildquelle: https://www.pressegauche.org/Keny-Arkana-La-revolution-permanente)