Ein Knabe, der mit dem Velo und einem Grinsen im Gesicht ins Meer fährt – vor rosafarbenem Abendlicht. Festgehalten von der Fotografin Samar Abu Elouf, Pressefotografin des Jahres 2025. Ein junger Mann, der seinen Körper akrobatisch an einem Stahlträger hochhievt. Abgelichtet von Hossam Salem. Über dem Bilderrahmen hängt eine kleine schwarze Schleife, denn der abgebildete Mann ist nicht mehr: getötet im bald zwei Jahre andauernden Krieg.
Diese Bilder werden in der Ausstellung Gaza Habibti im Werkhof am Egelsee gezeigt. Gaza Habibti, zu Deutsch Gaza mein Liebling, heisst die Ausstellung. Liebevolle, zärtliche Abbildungen des Lebens und Überlebens in Gaza, aufgenommen von Fotografinnen und Fotografen des Kollektivs Yura.
Man wolle in der Ausstellung eine eigene Perspektive auf Gaza einnehmen, fernab vom gierigen, westlichen Blick durch den Sucher, so Mohamed Badarne, Gründer von Yura. «Die Fotografie hat im Westen begonnen. Menschen sind nach Palästina gereist, haben Fotos gemacht und diese benutzt, um anderen Menschen etwas über uns zu erzählen.» Dieses Machtgefälle halte an: «Wir brauchen nicht ständig andere Leute – weisse Leute –, die kommen und uns beibringen, wie wir unsere Geschichte erzählen sollen.»
Wer an Gaza denkt, hat Bilder von Zerstörung und Leid vor Augen. In Gaza Habibti werden auch hoffnungsvolle Momente gezeigt: Hochzeiten, spielende Kinder. «Wenn wir Fotos zeigen, die Momente der Hoffnung in Palästina darstellen, macht das die Besatzung nicht kleiner.» Fröhliche Momente würden den Genozid nicht ungeschehen machen, im Gegenteil: Hoffnung fordere die Besatzung heraus. «Das ist etwas, das uns die Besatzung nicht nehmen kann: die Vorstellungskraft – dass du dir dein Leben ohne Besatzung vorstellen kannst. Genau das macht Gaza Habibti: sich unser Leben ohne Besatzung vorzustellen.»
Das Yura-Kollektiv wurde 2022 gegründet, ein Zusammenschluss von rund zwei Dutzend Fotografinnen und Fotografen aus Gaza. Bei Yura wird die fotojournalistische Ethik grossgeschrieben, erklärt Badarne. «Bei uns kann man nicht ein Foto von einem palästinensischen Kind oder einer Frau machen und sagen: Das ist eine traurige palästinensische Frau.» Diese Frau habe einen Namen, eine Familie, ein Leben, einen Hintergrund. Es gehe darum, diese Geschichte zu hören, und erst dann abzudrücken. «Der Klick ist das Letzte, was man macht.»
Mohamed Badarne lebt inzwischen in Berlin, von da aus koordiniert er das Kollektiv. Viele der Yura-Fotografinnen und -Fotografen sind weiterhin in Gaza und schweben in permanenter Lebensgefahr. Eine doppelte Belastung: das eigene Überleben sichern und gleichzeitig den Genozid dokumentieren. «Sie schreiben mir: Heute habe ich ein halbes Brot gegessen. Oder nur eine Banane. Auch die Menschen hinter der Kamera haben ein Leben.»
Fatma Hassouna war eine dieser Personen hinter der Kamera. Sie wurde im April bei einem israelischen Luftangriff getötet. Sie habe ihm am Abend noch geschrieben, so Badarne. Am nächsten Morgen sei er mit der Nachricht ihres Todes aufgewacht. «Sie träumte davon, berühmt zu sein. Warum geschieht das erst, nachdem sie getötet wurde? Manchmal möchte ich zu ihr gehen und sagen: Du hast es geschafft.»
Die Fotografien von Fatma Hassouna und anderen Fotografinnen und Fotografen werden nun in Bern ausgestellt.
Die Ausstellung Gaza Habibti ist noch bis zum 6. September im Werkhof am Egelsee zu sehen. Neben der Fotoausstellung Gaza Habibti ist auch die Kunstausstellung Art as a Breath of Life im Werkhof zu sehen: Diese zeigt Zeichnungen aus Gaza, produziert vom Eltiqa-Kollektiv.