Blertë Berisha: Wir leben in einer patriarchalen Welt mit wirklich persistenten Strukturen, die häusliche Gewalt begünstigt und toleriert. So, dass es dann auch so weit gehen kann bis zu einem Feminizid. Häufig werden Drohungen oder Gewaltvorgeschichten unterschätzt und trotz Schutz und Interventionsmechanismen ist es oft zu spät, oder nicht konsequent genug. Geschlechterrollen und Ungleichgewichte, all das trägt dazu bei, dass Feminizide leider einen Platz haben in unserer Gesellschaft. Sexistische Sprüche werden toleriert, Kontrollverhalten wird als Mittel eingesetzt. Ein Feminizid ist die Spitze dieser gesamten patriarchalen Gewaltstruktur, in der wir uns befinden.
Wir haben Zahlen vom letzten Jahr und von den Jahren davor. Die Häuser sind regelmässig vollbelegt, die Auslastung ist konsequent hoch und das ist nicht neu für die Frauenhäuser. Die Frauenhäuser sagen seit Jahren, es brauche mehr Schutzplätze. Kantonale Behörden müssen diese Verantwortung nehmen und umsetzen. Mitarbeitende arbeiten unter grossem Druck. Ein Frauenhaus ist eine Kriseninterventionsstelle, es braucht akut unmittelbar Schutz und dieser muss gewährleistet werden. In der Schweiz variieren das Angebot und auch die Finanzierung je nach Kanton sehr stark. Dadurch entstehen Ungleichheiten im Zugang zu Schutz. Das gibt natürlich gewisse positive Entwicklung. Es gab eine Studie, die von der SODK lanciert wurde, zu Not und Schutzunterkünften in der Schweiz. Da wird die Sichtbarkeit viel deutlicher, von dem Ist-Zustand und eben auch von dem, wohin wir hingehen sollten. Der Europarat empfiehlt im Rahmen der Istanbul-Konvention Einfamilienzimmer pro 10'000 Einwohner*innen. Zurzeit haben wir 0,26 Familienzimmer für 10'000 Einwohnerinnen, was ein Defizit von rund 74% bedeutet.
Das Thema ist ganz klar angekommen beim Bund und ich hoffe auch sehr fest, dass es auch bei den Kantonen ankommt. Denn die Umsetzung der Massnahmen, die führen die Kantone aus. Auch die Anzahl Schutzplätze, müssen die Kantone zur Verfügung stellen. Die Dringlichkeit wird anerkannt, aber es fehlt an Taten. Die Präventionskampagne, die ist sehr wichtig. Und es ist trotzdem keine primäre Prävention, die wir uns wünschen würden. Die Kantone sind auch zuständig für die Finanzierung der Schutzplätze, dafür braucht es konkrete Massnahmen und einen politischen Willen. Da sind natürlich alle Politiker*innen gefordert zu handeln.
Prävention ist ein zentraler grosser Pfeiler in der Umsetzung der Istanbul-Konvention. Es braucht eine frühzeitige Bildung, Sensibilisierung muss bereits in den Schulen ansetzen, und zwar zu Themen wie Gleichstellung, Konfliktbewältigung, Machtdynamiken. Es braucht einen Ansatz, der flächendeckend in allen Schulen und im ganz frühkindlichen Bereich geschieht. Ebenso braucht es Arbeiten mit Männern und den Tätern. Programme, die verpflichtend sind und Verantwortung einfordern für ein gewaltfreies Verhalten. Die gesamte Gesellschaft muss sensibilisiert werden, ebenso wie Medien. Es braucht eine klare Kommunikation: Feminizide sind keine Beziehungsdramen, das das darf jetzt einfach nicht noch einmal so geschrieben werden und trotzdem wird es leider noch gemacht. Es ist eine extreme Form von Gewalt, es ist eine Ermordung aufgrund von einem Geschlecht. Und zwar von dem Geschlecht, der als Frau zugeordnet wird. Und das darf nicht anders benannt werden, sonst verschleiert es das Problem. Es braucht Schulungen bei Justiz, beim medizinischen Personal, bei Polizei, und zwar verbindliche, obligatorische Schulungen. Es braucht fundiertes Wissen, um Warnsignale frühzeitig zu erkennen und somit auch konsequent zu handeln.
Von der Gesamtgesellschaft erwarte ich einen Aufschrei. Sehr viele Menschen sind emotional persönlich berührt, denn es ist einfach schrecklich und erschütternd was geschieht und wir von den feministischen Organisationen und NGO's wissen das schon lange. Das sind keine Einzelfälle. Es hat eine Struktur dahinter, ein Macht-System. Von Behörden oder von der Politik wünsch ich mir ganz einfach, dass mehr Geld gesprochen wird. Da sind Fachpersonen, die wissen was zu tun ist. Und es braucht einen politischen Willen, es braucht Priorisierung, es braucht eine klare Finanzierung sowie eine Erhöhung der Finanzen. Das ist ein strukturelles Problem und da braucht es auch strukturelle Lösungen.
Blertë Berisha, Co-Geschäftsleiterin DAO Frauenhäuser Schweiz und Liechtenstein im Interview: